33 JAHRE SCHWEIG, BUB!


Trau keinem über 30
Die Geburt eines Volksstücks
Die Handlung
Der Publikumsrenner
"Schweig, Bub!" und Tschechow
Erfolg & Erfolgsgeheimnis des Stücks
"Kusz, hab Erbarmen mit uns!"

Trau keinem über 30

Wer hätte das gedacht, - dass ein Stück,
uraufgeführt vor über 30 Jahren am 6.10.1976
am Schauspiel Nürnberg, das man
programmatisch in "Volkstheater Nürnberg"
umbenannt hatte, 30 Jahre später mit 700
Vorstellungen (!) immer noch auf dem Spiel-
plan dieses Theaters steht, das inzwischen
wieder umbenannt wurde und sich stolz
"Staatstheater Nürnberg" nennen darf?

700 Vorstellungen, das sind siebenhundert
Mal Leberknödelsuppe, Schweinebraten,
"Knidla", "Bratwürst", "Tortn", Bier & Schnaps.
Ein Eintrag ins "Guinness Buch der Rekorde"
wäre längst überfällig.
Trau keinem über 30? - Von wegen!

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Die Geburt eines Volksstücks

Die Regie teilten sich der Radio-Routinier
Herbert Lehnert vom "Bayerischen Rundfunk"
und der frischgebackene Dramaturg Friedrich
Schirmer, heute Intendant am "Hamburger
Staatsschauspiel". Ein Jahr zuvor entstand
der Text des Stücks. Der aus Bremen stam-
mende Schirmer betätigte sich als Geburts-
helfer und machte sich dafür stark, dass die
Produktion überhaupt zustande kam. Für den
"Verlag der Autoren" war die Lektüre des
phonetisch fränkisch geschriebenen Stücks
alles andere als leicht. Karlheinz Braun, seit
31 Jahren Kusz Lektor, hatte beim Lesen
das Gefühl, einen "indonesischen Dialekt"
vor sich zu haben.

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Die Handlung

Das 14-jährige "Fritzla" feiert Konfirmation.
Der Ernst des Lebens beginnt: erste Uhr,
erster Schnaps, zum ersten Mal länger auf-
bleiben. Eigentlich sollte es "Fritzlas" Fest
sein, aber die Erwachsenen funktionieren
es um. Sie benutzen sein Fest, um sich zu
produzieren. Der Junge sitzt nur daneben.
Die Hauptperson wird zur Statistenrolle
verurteilt: "Schweig, Bub!"! Die, die nichts
mitzuteilen haben, füttern ihn mit Lebens-
weisheiten und stopfen ihm das Maul mit
Knödeln.

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Der Publikumsrenner

Die Premiere am 6.10.76 war ein rauschendes
Fest. Zwanzig Minuten Beifall! Die "Nürnberger
Nachrichten" überschlugen sich: "Bravorufe
für den Autor. Doch besonders ist der enorme
Erfolg der Pointensetzerin Sofie Keeser und
dem originellen Nürnberger Sprücheklopfer
Hans-Walter Gossmann zu danken:
"Mei Lebn is etz scho traurig gnug!. Jubel,
Trubel, Heiterkeit." Die Kritik der "Nürnber-
ger Zeitung gipfelte in dem Satz: "Nürnberg
hat die Geburt des modernen fränkischen
Volkstheaters erlebt."

"Schweig-Bub!" wurde zum größten Publi-
kumsrenner der Nürnberger Theatergeschichte.
Die ersten 80 Vorstellungen fanden noch in
den Kammerspielen statt. Danach musste
wegen der nicht enden wollenden Nachfrage
ins Große Haus umgezogen werden, wo bis
jetzt 620 Vorstellungen gespielt wurden. In
der 30. Spielzeit hat Michael Nowack, alias
"Onkel Willi", das Stück wieder neu aufpoliert
und rundum erneuert. Es wurden zwei neue
Konfirmanden "gecastet". Im "Schweig, Bub!"-
Ensemble von 2006 spielt niemand mehr mit,
der schon 1976 dabei war.

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"Schweig, Bub!" und Tschechow

Was hat "Schweig, Bub!" mit Tschechow zu
tun? Sehr viel. Tschechow schwebte immer
ein Stück vor, das Kusz mit "Schweig, Bub!"
verwirklicht hat: O-Ton Tschechow:
"Im wirklichen Leben verbringen die Menschen
nicht jede Minute damit, einander zu
erschießen, sich aufzuhängen und Liebeser-
klärungen zu machen. Sie widmen nicht ihre
ganze Zeit dem Bestreben, gescheite Dinge zu
sagen. Sie sind mehr damit beschäftigt, zu
essen, zu trinken, zu flirten und Dummheiten
zu sagen - und das ist es, was auf der Bühne
vor sich gehen sollte.
Man sollte ein Stück schreiben, in dem die
Menschen kommen, gehen, speisen, über das
Wetter reden und Karten spielen. Leben sollte
genauso sein, wie es ist, und Menschen sollten
genauso sein, wie sie sind. Auf der Bühne
sollte alles genauso kompliziert und gleich-
zeitig genauso einfach sein, wie es im Leben
ist. Die Menschen nehmen ihre Mahlzeit,
und inzwischen ist ihr Glück gemacht oder
ihr Leben ruiniert."

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Erfolg und Erfolgsheimnis des Stücks

"Schweig, Bub!", "das Paradestück der neuen
Volkstheaterbewegung" (Der Spiegel),
erreichte mehr als 70 Inszenierungen im
Profi-Theater. Bei den Amateurtheaterauf-
führungen hat der "Verlag der Autoren"
längst aufgehört zu zählen.

"Schweig, Bub!" wurde in dreizehn deutsche
Dialekte und ins Flämische übersetzt. Acht
Fernsehaufzeichnungen liegen vor: BR (frän-
kisch), HR (hessisch), zweimal SWR (schwä-
bisch und pfälzisch), WDR (rheinisch), NDR
(plattdeutsch), SRG (schweizerdeutsch), ORF
(österreichisch). Dialekt-Hörspielfassungen
sendeten der BR (mit der Originalbesetzung
von 1976, die als Hör-CD vorliegt), der SWR,
Radio Bremen, SRG-Bern, ORF-Vorarlberg
und der MDR.

Die Statistik spricht Bände. Wie erklärt der
Autor das Geheimnis seines Erfolgs? Es liegt
in der tabubrechenden Verwendung des Dia-
lekts: "Wenn man den Dialekt auf der Bühne
ausstellt, hat das die gleiche Wirkung, wie
wenn ein Pop-Artist eine selbst gemachte
Cola-Dose in der geweihten Stätte eines Mu-
seums ausstellt. Die geweihte Stätte wird
entweiht. Schwellenangst wird abgebaut. Mit
Schweig, Bub! ist es gelungen, Leute ins
Theater zu bringen, die es in ihrem ganzen
Leben noch nie von innen gesehen haben.
Der Dialekt nahm ihnen die Berührungsangst
mit der Kultur."

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"Kusz, hab Erbarmen mit uns!"

Und was sagt das Feuilleton zu dem immer
noch anhaltenden Erfolg der Komödie? Rein-
hard Kalb kam in der "Nürnberger Zeitung"
zu überraschenden Einsichten: "Das Erfolgs-
geheimnis liegt nicht allein in der fränkischen
Seele begründet, oder darin, dass Kusz das
Volk so treffend beobachtet. Auch nicht in der
Gratwanderung zwischen derbem Witz und
abgründigem Humor. Nein, es muss wohl da-
ran liegen, dass so ziemlich jeder Zuschauer,
jede Zuschauerin im Lauf der Zeit seine Sym-
pathie an alle Figuren verschenkt. Als junger
Mensch leiden wir still mit Konfirmand Fritz;
als Mann im besten Alter flirten wir als Man-
fred abwechselnd mit Gerda und Hannelore.
Und im Alter pflegen wir unsere Neurosen
mit Vater Hans oder begehren noch einmal
faunisch auf mit Onkel Willi. O Gott, was
wird die Zukunft bringen? Werden wir, wenn
unser Patenkind Firmung feiert, den Vater
untern Tisch saufen, der Kusine übers Bein-
chen tätscheln und unsern Wanst streicheln?
Werden auch wir die Jahre bis zur Rente
zählen und unsere Angetraute zur Hölle
wünschen? - Kusz, hab Erbarmen mit uns!"

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